Von einer Tochter,
- die im November 1957, mehr oder weniger unerwünscht, das Licht der Welt entdeckt; - die - nach der Scheidung der Eltern (1961) - mit einer verbitterten Mutter, einer älteren Schwester und kriegsgeschädigten Großeltern in einer 3-Zimmer-Wohnung aufwächst; - die nicht gemocht wird, weil sie in Aussehen und Wesen dem Vater ähnelt; - die mit 4 Jahren, im Milchladen an der Ecke, eine Lakritzschnecke stiebitzt und zu Hause eine 5-riemige Lederpeitsche kennenlernt; - die oft stolpert; Kopf, Rücken und Füße nicht gerade hält; beim Haut- und Haare waschen die Seele aus dem Leib schreit; - die Wurst und Fleisch nicht schlucken kann, aber sitzenbleiben muss, bis der Teller leer ist; - die Essen hinter Schränke wirft, in Schürzen- und Kleidertaschen stopft, um den Tisch verlassen du können; - deren Mutter in der ganzen Nachbarschaft klagt, wie unartig und schwererziehbar ihre Tochter ist; - die aus dem Kindergarten wegläuft, weil sie zum Essen gezwungen wird; - die in der Schule nicht stillsitzt, sich nicht konzentrieren kann und immer zu hören bekommt, wie fleißig die große Schwester war; - die keine Freunde findet, weil die Mutter den "Umgang" untersagt; - die ihr Schulbrot und ihre Arbeitshefte in Mülleimern versenkt; - die Groschen stibitzt, um sich mit Brausebonbons Freunde zu kaufen; - die große Angst vor Opas >Epileptischen Anfällen< hat; - die es gar nicht mag, dass Opa immer das "schöne" Händchen möchte, weil die rechte Hand so anders "empfindet" als die linke; - die mit 11 Jahren die Oma verliert und sich am liebsten zu ihr in den Sarg legen möchte; - die in der Grundschule "unten durch" ist und mit der Realschule eine "neue Chance" bekommt; - die Schläge bekommt wenn sie Dinge tut, die alle Anderen auch tun: Bravo lesen - schminken - sich verabreden ... ; - die mit 12 Jahren noch glaubt, vom Küssen Babys zu bekommen; - die sich von der Mutter nicht aufklären lässt, weil sie sagt: Sex ist schmutzig und Männer sind Schweinehunde; - die sich zu Männern hingezogen fühlt und deshalb von der Mutter Flittchen genannt wird; - die keine moderne Musik hören darf aber von morgens bis abends Rudolph Schock; - die Zuflucht in einer Tanzschule findet, aber kein Geld hat, um die Stunden zu finanzieren; - deren Mutter für "brotlose Künste, Spinnereien und Flausen" nichts übrig hat, zumal der Vater keine Alimente zahlt; - die sich an Mutters Ersparnissen und Schwesters Sparschwein be- dient um Tanzen zu können; - die sich im Sportunterricht nicht umzieht, weil man die Streifen der Peitsche sehen könnte; - die mit 15 Jahren, in den Sommerferien, 4 Wochen in einer Kran- kenhausspülküche arbeitet um ihre "Schulden" auf Heller und Pfen- nig zurückzuzahlen; - deren Augen plötzlich stark schmerzen, verschwommen sehen und kein Tageslicht vertragen. Diagnose: psychosomatisch; - die sich verlobt und ganz schnell heiraten möchte, um der Mutter zu entfliehen; - die keinerlei Ahnung hat, was es bedeutet Ehefrau zu sein; - die im Laufe der Zeit durch Klassenkameradinnen und die "verbotene BRAVO" Näheres erfährt; - die nach einem Jahr, kurz vor dem Realschulabschluss, aus Angst vor dem Bevorstehenden, die Verlobung löst und nur noch tanzen möchte; - deren Mutter nun gar nicht mehr mit ihr auskommt und damit einver- standen ist, dass die Tochter nach dem Schulabschluss eigene Wege geht; - die in der Tanzschule einen 20 Jahre älteren Mann kennenlernt, der sie mit allen Regeln der Kunst verwöhnt; - deren Freund 4 Wochen später erklärt, er sei schließlich ein Mann und könne nicht länger warten; - deren Freundinnen ihr zureden, nicht so zimperlich zu sein. Schließ- lich würde es langsam Zeit; - die, während Klassenkameraden im Nachbarzimmer die Fußball-WM verfolgen, ihre Unschuld verliert; - die das Gefühl hat - Schlimmeres kann die Welt nicht bieten; - deren Freundinnen anschließend sagen: "Wir dachten, eine Sau wird geschlachtet!" - der bewusst wird, auch in einer Mann/Frau-Beziehung keinen Frieden zu finden; - die heilfroh darüber ist, dass der Freund sie verlässt; - die langsam sicher ist, dass es an ihr liegt, dass niemand mit ihr zu- sammenleben kann; - die ihre Lehrstelle antritt (120 DM im Monat) und für 50 DM ein Zimmer (Untermiete) bei einer älteren Dame bezieht; - die aus Bewegungsmangel (ruhiges Stehen verursacht Kopfschmerzen und Schwindelgefühl) der Arbeit fernbleibt und in der Probezeit die Kündigung bekommt; - deren Arzt Migräne diagnostiziert und Optalidon Spezial verschreibt; - die sich im Krankenhaus bewirbt um Laufen zu können und in guten Händen zu sein, wenn der Körper schlapp macht; - die während der 12-monatigen Praktikumszeit fit ist und glaubt, ihren Traumberuf gefunden zu haben; - die sich aus der kontrollierten Untermiete befreit und 2 Zimmer (Toi- lette im Treppenhaus) in der Nähe des Krankenhaus bezieht; - die ihre Schwesternausbidung beginnt und schon im Blockunterricht unter altbekannten Symptomen leidet; - die von einem 20 Jahre älteren, verheirateten, 2-fachen Familienvater und Arbeitskollegen gemocht und verehrt wird; - die sich Untersuchungen wie Rektoskopie, Koloskopie, Blasen- spiegelung, EKG`s, Langzeit_EKG`s , EEG sowie neurologischer, orthopädischer und chiropraktischer Abklärung unterzieht, die alle- samt keinen pathologischen Befund ergeben; - die ein sehr liebevolles, vorsichtiges Verhältnis mit dem Arbeits- kollegen beginnt, welches am mangelnden Sex scheitert; - die auf Anraten eines Psychologen, nach eineinhalb Jahren die Lehre abbricht und das Krankenhaus verlässt; - die sich als Hausangestellte in einem 4-Personen-Haushalt bewirbt und fortan davon träumt, ein Teil dieser liebevollen Familie zu sein oder eine eigene Familie zu gründen; - die von einem jungen! Mann angesprochen wird, sich aus vollstem Herzen verliebt und fest daran glaubt, dass ihre Probleme >nur< psychosomatisch sind - also bekämpfbar!? - die erneut umzieht, um in der Nähe des Freundes zu wohnen; - deren Freund sie verlässt, weil sie zuwenig aus sich macht und zu anhänglich ist; - die wieder vermehrt Herzrasen, Taubheitsgefühle, Kopfprobleme und gewaltige Todesängste aussteht; - die sich in Gegenwart des über alle Maßen verliebten, geduldigen und verständnisvollen Familienvater sicher und geborgen fühlt, ihre Wohnung auflöst und zu ihm auf`s Land zieht, nachdem Ehe- frau und Kinder ihn verlassen haben; - die ihren Partner liebt - schon allein, weil sie geliebt wird; - die nichts zu bieten hat - außer ihrem Körper - um die Dankbarkeit auszudrücken; - deren Herzenswunsch - ein Baby - in Erfüllung geht; - die nach der Geburt (Kaiserschnitt wegen Beckenendlage), sexuell noch empfindlicher ist als jemals zuvor. ------------------- Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus: Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort. Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, sie wissen alles, was wird und war; kein Berg ist ihnen mehr wunderbar; ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott. Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern. Die Dinge singen hör ich so gern. Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm. Ihr bringt mir alle die Dinge um. Rainer Maria Rilke - -
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