...von der Schwierigkeit des Seins Beeren umsonst Am Morgen stand er noch, der große Blechdrahtzaun, wel- cher Unbefugten den Zutritt zum Erdbeerfeld verweigerte. Eine riesige, gelbe Reklamefolie mit erdbeerfarbener Schrift forderte Naturbegeisterte, Bewegungsfreudige und sparsame Liebhaber dieser Frucht zum Selbstpflücken auf. Wochenlang wurden die Feldwege ge- und missbraucht, schoben sich Karawanen von Autos über landwirtschaftliche Nutzungsflächen, rutschte man auf verlorengegangenen Beeren aus. Hunde blieben vorzugsweise angeleint und nicht selten wurde den selbstpflückenden, naturverbunde-nen Beerenfanatikern Vorfahrt gewährt, indem man ins me-terhohe, Anfangs blütenstaubgelbe Rapsfeld zurückwich. Wie in jedem Jahr, nimmt ein herbeigesehnter Anfang, ein herbeigesehntes Ende. Innerhalb weniger Stunden ver- schwinden Zaun, Verkaufshäuschen sowie Reklameschild und das Feld wird bearbeitet. Feldnahe Anwohner nennen die Prozedur "totspritzen" und halten selbst ihre Hunde fern vom Geschehen, denn innerhalb der nächsten zwei Tage wird sich, trotz starkem Regen, das Laub unnatürlich schlaff gen Boden neigen. Umso mehr leuchten die nach-gereiften Früchte und ziehen zahlreiche, ahnungslose Schnäppchenjäger in ihren Bann. Im vorigen Jahr hatte diese Frau, die Tag für Tag die Fel- der durchstreift, ein vorsichtiges Gespräch mit erfreuten Pflückern, die ihre Kinder zum fleißigen Verzehr animierten, begonnen. Hatte sich eingemischt, in Dinge, die sie tat- sächlich nichts angehen..... Heute besinnt sie sich auf eigene Angelegenheiten, hält ihren Hund an der kurzen Leine, läuft schweigend am "Erdbeeren-Umsonst-Feld" vorbei und träumt in der Nacht von kleinen Kindern mit schwersten Allergien .... Friede sei mit uns - und den Gesetzen... Samstag, Sonntag, Montag .... Nachtdienste in der Tele- fonzentrale eines Krankenhauses. Meist sind die Nächte ruhig - ein willkommener Ausgleich zu einem eher un- ruhigen Privatleben. Solange man der Sprache mäch- tig ist, das Telefon bedienen kann und Patienten freund- lich begegnet, ist die Arbeit selbst mit diversen körper-lichen Wehwehchen zu meistern. Es sei denn - Mitarbei- ter legen es darauf an, Unfrieden zu stiften. Vielleicht hätte sie daheim bleiben sollen; vielleicht ihren Arbeitsplatz verriegeln; vielleicht darauf hinweisen sollen: "Mir geht`s nich gut - geh lieber Heim!" Versäumnisse sind selten rückgängig zu machen! Sie saß (in desolatem Zustand) an ihrem Arbeitsplatz. Hatte weder die Tür verriegelt, noch zu erkennen gegeben, dass das Ei alles Andere als Gelb war, als der Bereitschaftsdienst sich in die wohlverdiente Nachtruhe zurückziehen wollte. Ein kleiner Plausch unter Bekannten; Wichtiges und Un- wichtiges; Zuhören und Gehörtwerden; die Markenzeichen eines Dienstleistungsbetriebes.... Die Minuten verrannten. Längst hätte die Bereitschaft den Heimweg antreten können, längst ihr müdes Haupt ins Kissen drücken.... Ein Krankenwagen kündete an, doch die (zu Recht!) müden Füße verweigerten den Abmarsch. Erst das Klingeln des Telefons brachte, in Form eines schüttelnden Kopfes, Be- weglichkeit ein. "Ich bin nicht mehr da!" flehten die Augen und beide Hände bewegten sich abwehrend hin und her. Zwischen Maschine und Mensch, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Pflichtbewusstsein und Menschlichkeit steht die Pförtnerin. Kaum fähig, den Telefonhörer zu halten - kaum fähig, einen Satz zu bilden. Sie erkennt die eigene Stimme nicht. Diese Stimme, die keinen Zweifel zulässt: "Die Bereitschaft ist hier!" Zum Wohle des Patienten, der keine Ahnung davon hat, dass im Haus anwesende Mitarbeiter eine wesentlich ge- ringere Vergütung bekommen, als Gerufene. Der keine Ahnung davon hat, welche Geschichten sich um seinen nächtlichen Unfall weben. Zum Wohle des Pförtner-Gewissens, welches sich auf Recht und Gesetz besinnt um (schweren Herzens) Kamerad- schaft und Menschlichkeit den Laufpass zu geben! Zum Wohle eines Bereitschaftdienstes - dessen Ankündi- gung, die Zentrale nicht mehr zu betreten, auf vollstes Verständnis trifft! Patientenaufstand Hausarzt nannte man früher den Arzt, der ins Haus kam. Der die Familiengeschichte kannte, oftmals drei Gene- rationen betreute. Dem man noch vor Pfarrer oder Friseur kleine Geheimnisse anvertraute. Er wusste einfach, welche Art Kopfschmerz du hattest; er sah, dass sich ein Leberfleck veränderte; kannte deinen Pulsschlag und fühlte am Händedruck Seelenschmerz. Man fühlte sich wohl, geborgen in seiner Obhut. Mitunter eventuell einer von sicher vielen Gründen, die menschliche Seele gesund zu halten. Nur selten waren Termine uhrzeitgebunden, niemals wurde von Geld geredet und oft war man ge- heilt, noch bevor die Praxistür zuschlug. Dass niemand unsterblich ist, selten ein ganzes Jahrhundert erlebte, nahm man in Kauf; war es doch das Natürlichste der Welt. Die Zeiten haben sich geändert - aber unnatürlich. Längst ist der Arzt kein "Hausarzt" mehr. Bevor er die Hand drückt, muss er sie aufhalten und spürt nicht selten, schon vor der eigentlichen Behandlung, den Seelen- schmerz eines 10 €-Verlustes. Ein kurzer Blick zur Uhr - 15 Minuten; das Wartezimmer ist voll; ein abgestürzter PC - was wurde beim letzten Mal behandelt - welches Bein - oder war`s der Kopf? Ein bewährtes Medikament muss durch ein kostengünstigeres ersetzt werden! Wie-warum? Entweder Ja oder selbst zahlen! Erneut der Blick zur Uhr - Studenten warten auf seine Vorlesung.... Sie hatte keinen "Hausarzt" gesucht, die Erfahrungen der Vergangenheit sollten sich mit nichts und niemandem wiederholen. Aber - ein in der Klinik verordnetes Medika- ment bedurfte ärztlicher Verschreibung. Gesetzliche Kran- kenversicherung und monatliche Beitragszahlung reichten nicht aus, um die ambulante Sprechstunde der Neurolo- gischen Klinik und somit den Arzt ihres Vertrauens zu konsultieren. Die neurologische Diagnose war gestellt. Gesucht wurde lediglich ein Praktiker, der die Empfehlungen des Neuro- logen befolgte. Das Erreichen der Praxis musste mühelos sein. Oftmals wäre die Autofahrt nicht nur für die Betrof- fene, auch für andere Verkehrsteilnehmer unzumutbar. Ein triftiger Grund, den Arzt zu wählen, der auch zu Fuß gut erreichbar ist. Freundlich, von Sonnenlicht durchflu- tet machte die Praxis mit außerordentlich netten Sprech-stundenhilfen einen tollen Eindruck. Groß, gutaussehend, ein Mann mittleren Alters, der seine Patienten mit kame- ratschaftlicher Begrüßung im Wartezimmer abholt - das kannte sie nicht. Beim "alten" Hausarzt stand man in einer Schlange, oftmals bis zur Fahrstuhltür im Treppenhaus. Gesprächsstoff gab es wenig, sie wollte ihr Rezept und bekam es - zwei Jahre - anstandslos. Versuchtes, eigen- mächtiges Absetzen wurde mit den Worten "das klappt nicht!" belächelt - bis die neue Medikamentenverord- nung ihre Versuche in Angriff nahm. Gerade jetzt war alles so Schwarz; gerade jetzt hatte sie geritzt; gerade jetzt hatte sie Mord- und Selbstmordgedanken; gerade jetzt hatte sie den Rasierer benutzt, die langen Haare - das letzte "Frau-sein" geopfert.... "Mensch, Mädchen sieht das toll aus - Superhaarschnitt - steht dir richtig gut!" und - das Rezept. Der Medikamen-tenname irritierte. Sie wollte nichts Neues, keine Versu- che machen. "Ist das gleiche drin - nur ein anderer Name", versuchte der Arzt zu beschwichtigen. Die Frau verstand die Welt nicht mehr! EINMAL im Quartal benötigte sie EIN Rezept. Nach vielen Fehldiagnosen, nach Mengen von überflüssig-verschriebenen Medikamenten, nach jahrelanger Gesundheitswesen-Abstinenz - endlich eine Verordnung, die das Dasein erleichterte..... Sie bekam ihre Tabletten. Ein kleiner Aufkleber "bitte ..... aushändigen" bereicherte das Rezept. Die zu zahlende Differenz war tragbar - noch! Mühsam, aber erfolgreich begann sie die entwürdigende Bettelei hinauszuschieben. Die 100-tägige Ration wurde halbiert und des Öfteren ein katastrophales "Vergessen" eingeschoben. Neun Monate später: Gleiche Frau - gleicher Haarschnitt - gleicher Rezeptwunsch. "Mensch, Mädchen! Was hast du mit den Haaren ge- macht! Wie kann man sich nur so verunstalten - da ist wohl einiges im Argen!? Das Rezept? Greift zum Schrank und hält ihr ein anderes Medikament vor die Nase: "Nimm das - das gibt`s umsonst!" Sie bekam ihr Rezept - zu einem nicht akzeptablen Selbst-kostenpreis! Akzeptabel war die Erfahrung: Es geht auch ohne euch - bleibt abzuwarten, wie weit kommt ihr - ohne uns! Der Elefant im Porzellanladen Sie mochten sich, die drei Hunde. Moritz, Percy und Kitty fegten des Öfteren gemeinsam über die Felder und be- lustigten ihre Frauchen. Drei Generationen trafen in unregelmäßigen Abständen aufeinander. Man hätte denken können - Tochter, Mutter und Großmutter treffen sich zum gemeinsamen Hundespaziergang. Bald sollte die vierte Generation hinzukommen, das Bäuchlein wuchs und wuchs und die Geburt wurde heiß ersehnt. Viel zu früh vermisste man die junge, zierliche Frau mit den langen, in der Sonne golden schimmernden Haaren. Man vermisste ihre Anwesenheit, ihre strahlende Erwar- tungshaltung, ihre zarten Hände, die - sicher unbewusst- unentwegt über dem gewölbten, schwarzen Mantel kreis- ten. Zwei- dreimal spazierten die Älteren allein, ein viertes Mal sollte es nicht mehr geben. Die Todesanzeige stach nicht nur ins Auge... Der arme Moritz hatte sein Frauchen für immer verloren. Es sollten einige Wochen vergehen, bis die junge Frau wieder sichtbar wurde. Verfrühte Wehen hatten sie die letzte Zeit im Krankenhaus verbringen lassen. Während Percy und Kitty sich freudig begrüßten und die glück- liche, werdende Mutter ihr Bäuchlein streichelte, kam das Gespräch auf die Dritte im Bunde. Konnte man ahnen, dass ein ganzer Straßenzug zu- sammenhielt? Dass Verwandte und Bekannte das Geschehene wochenlang geheimhielten, um die werdende Mutter zu schonen? Heute leuchteten die blonden Haare schon von Weitem. Noch immer wölbt sich der schwarze Mantel. Der Elefant setzt unbeholfen, schwerfällig und schuldbe- wusst einen Fuß vor den anderen. . Er möchte trompeten, tanzen, dem Himmel danken, denn der warme, schwarze Mantel beinhaltet nicht nur die junge Frau - auch einen gesunden Sohn, dessen kleine Porzellanhand unversehrt an ihrem Hals ruht. Monis Ausflug Bildschön ist sie, farbenfroh und kess, die 7-jährige, Neu- Guinea- Edelpapageien-Dame. Moni war 18 Monate alt, als Opa seiner 13-jährigen Enke- lin dieses edle Geschöpf zum Geschenk machte. Neben zwei Hunden, Ziegen, Schafen,Zwergkaninchen,Gänsen, Enten, Hühnern, zugeflogenen Wellensittichen und drei Landschildkröten, fehlte genau dieser musische Ton in der Sammlung. Moni lebte sich schnell ein, thronte wie eine Königin - hoch auf dem Seil - über dem Fußvolk.... bis ihr Lebensraum renoviert wurde. Nach tagelanger, mühsamer Eigenarbeit, während der der Papagei im Käfig verharren musste, strahlte das Wohnzimmer in neuem Glanz und Moni durfte endlich wieder ihren gewohnten Platz auf dem Seil einnehmen. Ein dickes Tau, welches von einer Wand zur anderen ge- spannt ist, endet über der Tür an einer Gardinenstange, auf welcher Holzringe zum Spielen animieren. Auf der Stange sitzend, tänzelte Moni bislang über die Ringe, schob sie hin und her und quasselte sich etwas ins Ge- fieder. Seit Jahren saß sie dort, zählte und schien zu sor- tieren: 3 rechts, 4 links.... bis zu diesem unheilvollen Nachmittag im Oktober. Die Aufräumarbeiten waren noch in vollem Gange, nie- mand warf ein Auge auf den Vogel. Warum auch, schließ- lich bewegte er sich immer frei! Nach 10 Minuten - es war sicher nicht länger - hatte Moni das Wohnzimmer in einen Silvesterparty-Konfettiraum verwandelt. Rotge- strichene. kleine Tapetenfitzel, wohin das Auge blickte... War es ein Schock? Unzurechnungsfähigkeit? In aller Ru- he öffnete die Papageienmutter das große Fenster und holte den Vogel von seinem Lieblingsplatz: "Flieg, Moni - flieg und lass dich nicht mehr blicken!" Sie kannte sich aus, da draußen. Im Sommer saß sie oft auf der Schulter, drehte im Garten ihre Runden, saß beim Sonnen neben der Enkelin auf der Decke... Nun breitete sie ihre Schwingen aus. Höher als gewöhnlich - weiter als gewöhnlich! Unsichtbar - wie ungewöhnlich! Die Familie ist geschockt, die Papageienmutter friedlich. Freiheit - was bedeutet das für einen Vogel? Glück oder Gefahr? Wer weiß das schon so genau...Der Spatz wird aus dem Nest geworfen, wenn er groß genug ist... Men- schenkinder auch, wenn sie alt genug sind. Sie müssen lernen, sich zu behaupten. Egal, ob Mensch oder Tier: Wer stark ist, wird sein Leben meistern, indem er die Schwächeren frisst. Aber wenn Moni gefressen wird, hat sie zumindest einmal die Flügel ausgebreitet, einmal die Freiheit kennengelernt.... Drei Tage sitzt Moni hoch oben in Nachbars Weide, tän-zelt von einem Ast zum anderen, quasselt und kreischt, lockt Spaziergänger und Autofahrer an, sorgt dafür, dass ihre "Familie" belästigt, bedroht - ja - angezeigt werden soll! Warum, weshalb? Wir kümmern uns! Stehen stun- denlang auf der Leiter, die bei Weitem nicht die benötig- te Höhe erreicht, locken mit Lieblingsspeisen, flöten die höchsten Töne... Die Macht dieser fremden, blasierten Wichtigtuer, lässt uns zu massiven, gewalttätigen Mitteln greifen. In die Baumwipfel geworfene Holzlatten lassen den Vogel die Flucht ergreifen und in großem Bogen über Straße und Feld gleiten. Einmal niedergelassen, kraxelt er in aller Ruhe den Arm der Papageienmutter empor und lässt sich - auf der Schulter sitzend - cirka 300 Meter, trotz vorbeifahrender Autos nach Hause tragen. Moni fliegt wieder frei, sitzt auf ihrer Stange, spielt mit den Holzringen und hat Respekt vor dem Fenster....und vor der Tapete. Sichtbar behindert Es war ein langer Tag - nach einer schlaflosen Nacht. Seit Stunden raste ihr Herz, aber bald war es geschafft: nur noch rein in den Bus, 30 Minuten Fahrt, 10 Minuten Fußweg und ... endlich zu Hause. Das Stehen und Warten fiel schwer. Diesem kleinen, faustgroßen, zum Hals herausschlagenden Organ gefiel eine gebeugte Körperhaltung besser. Irgendwie war das Klopfen gedämpfter, leichter zu ertragen. In Gedanken schreibt sie das Wort >Hoffnung< riesengroß: hoffent- lich kommt er bald, der Bus; hoffentlich normalisiert sich der Puls; hoffentlich bekommt sie einen Sitzplatz; hoffent lich erregt sie kein Aufsehen... Tonnenschwer sind die Beine, als sie die wenigen Stufen erglimmt und den Fahrschein zeigt. Neben vielen ande- ren Plätzen ist auch der heißersehnte frei: gleich hinter dem Ausstieg. Erstens kommt man schnell raus, zwei- tens ist vor dem Sitz eine Stufe und die angewinkelten Beine erleichtern das Unbehagen. Seelig lässt sie sich nieder - Glück gehabt! Über die ältere Dame, die an der nächsten Haltestelle als Einzige zusteigt, macht sie sich keine Gedanken. Gut die Hälfte der Sitzplätze sind unbelegt ... Freundlich sieht sie aus, die grauhaarige Oma, die, obwohl der Bus seine Fahrt wieder aufgenommen hatte, mit forschem Schritt und zielstrebig den Gang durchquert. "Sind Sie behindert? Sie sitzen auf einem Behinderten- sitzplatz! Wollen Sie meinen Ausweis sehen?" Nein - den will sie nicht sehen! Sie weiß zu gut, wie er aussieht, hat sie doch selbst einen. Aber jetzt, in diesem Zustand den Mund aufmachen, re- den müssen, den eigenen Ausweis hervorkramen - das wäre einfach zu anstrengend, zu viel verlangt. Wortlos steht sie auf und bleibt stehen, festgeklammert an der Stange mit dem Haltewunsch, um rechtzeitig die Flucht zu ergreifen. Die Flucht vor diesen armen, bemit- leidenswerten Geschöpfen, die ihr Heil darin sehen, An- dere zu maßregeln. .... denn wir wissen nicht, was wir tun Nach sechs Schuljahren, die man mehr oder weniger ge- meinsam hinter sich gebracht hatte, stand der letzte El- ternabend auf dem Kalender. Freilich wurden die Schüler dazu geladen, ging es doch hauptsächlich um sie; um ihre bestandenen Prüfungen und die große, bevorstehende Abschlussfahrt. Der kleine Raum drohte aus den Nähten zu platzen. Es dauerte seine Zeit, bis die Eltern an den Tischen und ih- re Sprösslinge, egal wo - Hauptsache nicht in der Nähe - einen Sitzplatz ergattert hatten. Locker, ungezwungen war der Ton. Dankbare Eltern, coole, 16-jährige Schulab- gänger und eine, zu Recht stolze Klassenlehrerin erhitz- ten Raum und Gemüter. Was gab es nicht alles zu bere- den: ihre erste Klasse, die an der Pisastudie teilnahm; ihre erste Klasse, die eine Realschulprüfung absolvieren musste.... und nun ging es bald an die letzte gemeinsa- me Unternehmung: eine Busreise nach Italien. Ausweise, Impf- und Allergiepässe, passende Kleidung, bitte keine Game-Boys und .... absolutes Rauchverbot! Wer raucht, wird umgehend nach Hause geschickt! Gegen Long- drinks und "leichten" Alkohol ist nichts einzuwenden! "Hallo? Das hab ich jetzt nicht wirklich verstanden!" mel- det sich eine Mutter. "Wenn schon Drogenverbot, dann doch bitte konsequent! Alkohol, in diesem Alter .... mit Erlaubnis .... eine regelrechte Aufforderung ... der erste Schritt!" Eine eingeleitete Abstimmung bestätigt die pädagogi- sche Erklärung: "Schießlich ist Alkohol gesellschaftlich anerkannt!" Aha - es sind also die Raucher, die Unheil über die Welt bringen! Es sind die Raucher, die , weil im Besitz ihrer geistigen Fähigkeiten, ihre Haftstrafen absitzen müssen. Es sind die Raucher, die die Straßen für Frauen unbegehbar machen und es sind auch die Raucher, auf deren Stirn geschrieben steht: Wir wissen leider nicht, was wir tun! Wie Feuer und Eis Fröhlichkeit erfüllte die Küche, in der 2 schwarz-weiß-gesprengelte Kaninchenbabys um ihre rostbraune Mama hüpften. Es war eine geplante Trächtigkeit. Der ausge- liehene, schneeweiße Rammler hatte vor Wochen, an einem einzigen Nachmittag seine Pflicht erfüllt und sicht-bare Gene hinterlassen. Heute, wie an jedem anderen Tag, wurden die quirligen Hopser von Menschenhand liebkost, gewogen und gefilmt. Die gestresste Häsin mochte diese Stunde, lag entspannt auf den kühlen Küchenfliesen und guckte müde in die Kamera, während zwei Menschenkinder ihre Babys sitteten. Das Klingeln eines Telefons zerstörte jegliche Idylle. Die Menschenmutter drückt den Aufnahme-Stopp, steigt über ein Türbrett, welches die Flucht der Kaninchen verhin- dern soll und greift nach dem Hörer. Fremd ist die Stimme am anderen Ende; fast unhörbar. Der Lautstärke- pegel der Kinderstimmen überdröhnt den Anrufer. "Gehen Sie bitte in einen anderen Raum! Sorgen Sie dafür, dass meine Worte Sie in Ruhe erreichen! Es geht um Ihren Mann. Mein Name ist Dr. .... , Uniklinik .... Ihr Mann wurde per Hubschrauber eingeliefert, es be- steht Lebensgefahr!" "Nein!" sagt die Frau. "Das muss ein Irrtum sein, mein Mann befindet sich an der Arbeit!" "Er ist dort in der Mittagspause zusammengebrochen," beteuert diese eindringliche Stimme, die Vor- und Zuna- me, Geburtsdatum und den Arbeitgeber des Ehemannes einwandfrei von sich gibt. "Mama, kommst du mal? Guckst du mal? Kannst du mal...? Wo bleibst du denn? Wer ist da dran, amTelefon?" Ruhe behalten! Nichts anmerken lassen! "Psst", sagt die Frau. "Bitte seid leise!" Den Hörer an das Ohr gepresst, damit ihr kein Wort entgeht, schleppt sie sich die Stufen hoch ins Obergeschoss. "Wenn Sie ihren Mann noch lebend sehen wollen...... so schnell wie möglich, Beei- lung! Haben Sie jemand für die Kinder? Haben Sie ein Au- to?" "Nein, das Auto fährt mein Mann. Und die Kinder? Sieben und neun Jahre.... wohin, so auf die Schnelle? Die Fahrt dauert Stunden und... dann werd ich dableiben wollen!" "Mama, warum weinst du?" Die 9-jährige hatte sich herangeschlichen, erschrocken die Hand auf Mamas Schulter gelegt. "Sie sind nicht allein", sagt die Stimme. "Sorgen Sie dafür!" Niemals gab es versperrte Türen in diesem Haus. Niemals wurde aus- oder eingesperrt. Ohne Worte schiebt die Frau nun das kleine Mädchen zur Tür und verschließt den Raum. "Da ist noch Etwas", sagt die Stimme. "Ansteckungsgefahr, auch Sie können jeden Mo- ment zusammenbrechen. Erste Anzeichen: Kopfschmer- zen, Gliederschmerzen.... sind Sie jetzt wirklich allein? Ziehen Sie ihren Slip aus.... tasten Sie..... "Nein, Schluss jetzt! Wo ist mein Mann, wie finde ich die Klinik?" schreit sie ins Telefon. "Sie müssen jetzt Ruhe bewahren, dürfen sich nicht so aufregen! Denken Sie doch bitte an Ihre Kinder, die schon den Vater verlieren!" Das war zu viel! Mechanisch drückt der rechte Daumen die Taste; beendet ein Gespräch, welches die Welt un- tergehen lassen wollte. Mit zittrigen Fingern und ver-schwommenem Blick bearbeitet ein Häufchen Elend die Tastatur des feuchten Telefons. Wieso hatte der Arbeit- geber sie nicht benachrichtigt? Wieso kein Kollege? "Firma .... ! Ihr Mann? Klein Moment, ich verbinde!" Unter Tränen, fast unfähig Worte zu finden, bringt die Frau ihre Geschichte hervor. Sie glaubt, nicht richtig zu hören, als der Mann lacht: "Wie konntest Du nur so etwas glauben?" "Bitte, bitte komm nach Hause! Nein, nicht erst in 3 Stunden! Ich brauche Dich, jetzt und hier!" bettelt das Elend. "Du Dummchen", wiehert die Stimme: "ich kann und werde - wegen solch einer Lächerlichkeit - meinen Dienst nicht vorzeitig beenden!" 2
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